Es geht dabei eigentlich um viel mehr als Farbe auf der Haut.
Ein Beitrag von BOMBYE für Tribehaus
Ich beschäftige mich inzwischen seit vielen Jahren mit Bodypainting. Und je länger ich Menschen bemale, desto stärker merke ich: Es geht dabei eigentlich um viel mehr als Farbe auf der Haut.
Mich fasziniert der Moment, in dem ein Mensch aufhört, darüber nachzudenken, wie er aussieht.
Wenn aus anfänglicher Unsicherheit Neugier wird. Wenn jemand beginnt, sich zu bewegen, die Farbe auf der Haut zu spüren und plötzlich eine ganz andere Seite von sich zeigt.
Manchmal wild. Manchmal verletzlich. Manchmal verspielt, kraftvoll oder sinnlich.
Und manchmal einfach vollkommen albern.
Genau diese Momente liebe ich.
Warum bemalen wir uns eigentlich nur an Karneval?
Diese Frage beschäftigt mich schon länger.
An Karneval ist plötzlich alles erlaubt. Wir schminken uns, verkleiden uns, schlüpfen in andere Rollen und zeigen uns auf eine Weise, die an einem normalen Dienstag wahrscheinlich einige irritierte Blicke hervorrufen würde.
Auch auf Festivals entsteht diese Freiheit.
Aber warum brauchen wir dafür einen besonderen Anlass?
Menschen bemalen ihre Körper seit Jahrtausenden. Körperbemalung war und ist in unterschiedlichen Kulturen Ausdruck von Zugehörigkeit, Übergängen, Spiritualität, Schönheit, Schutz und Identität.
Natürlich möchte ich diese Traditionen nicht einfach auf unsere heutige Gesellschaft übertragen oder kulturelle Rituale kopieren, deren Bedeutung eine ganz andere ist.
Aber ich glaube, dass dahinter etwas sehr Menschliches steckt, das wir ein Stück weit verloren haben:
das Bedürfnis, unserem Inneren einen sichtbaren Ausdruck zu geben.
Wir tragen so unglaublich viel in uns. Und unser Alltag bietet erstaunlich wenig Raum dafür.
Wir sind viel zu oft damit beschäftigt, jemand zu sein
Erwachsen sein bedeutet häufig, ziemlich genau zu wissen, wer man angeblich ist.
Wir haben einen Beruf. Eine Rolle. Einen Kleidungsstil. Eine Persönlichkeit. Ein Instagram-Profil. Erwartungen an uns selbst und Erwartungen von anderen.
Und irgendwann wird diese Identität ziemlich eng.
Was passiert aber, wenn wir für ein paar Stunden nicht wissen müssen, wer wir sind? Wenn wir experimentieren dürfen?
Wenn ich einen Menschen bemale, möchte ich deshalb nicht einfach einen schönen Körper noch schöner machen.
Mich interessiert etwas anderes. Ich möchte herausfinden, was da noch ist.
Welche Farbe passt gerade zu diesem Menschen? Welche Formen entstehen? Was passiert, wenn ich nicht alles vorher plane, sondern meiner Intuition vertraue?
Das Bodypainting entwickelt sich im Prozess. Und oft verändert sich dabei auch der Mensch.
Nicht auf irgendeine magische Weise. Aber manchmal reicht schon die Erlaubnis, sich selbst anders erleben zu dürfen.
Der Körper wird zur Leinwand
Ich liebe Leinwände und Wände. Ich komme aus der Street Art und arbeite seit vielen Jahren mit Farbe.
Aber ein menschlicher Körper ist eine vollkommen andere Leinwand.
- Er atmet.
- Er bewegt sich.
- Er reagiert.
- Und vor allem trägt er eine Geschichte.
Deshalb empfinde ich Bodypainting zunehmend als eine Form von Begegnung.
Da steht nicht einfach ein Model vor mir. Da steht ein Mensch.
Ich berühre diesen Menschen. Ich arbeite mit seinem Körper. Ich nehme wahr, wo Grenzen sind, wo Vertrauen entsteht und wo vielleicht Unsicherheit auftaucht.
Das verlangt Präsenz.
Und genau an diesem Punkt kann aus Bodypainting für mich ein Ritual werden.
Nicht weil wir Räucherstäbchen anzünden und das Ganze anschließend spirituell nennen.
Sondern weil:
- wir uns bewusst Zeit nehmen
- wir eine Intention setzen
- Musik, Berührung, Farbe und Bewegung zusammenkommen
- wir einem Moment Bedeutung geben
Ich möchte Räume schaffen, in denen wir wieder experimentieren dürfen
Das ist etwas, was ich auch mit dem Tribehaus stärker in die Welt bringen möchte.
Mich interessieren Räume, in denen Kunst nicht nur an der Wand hängt und Menschen davorstehen und sie betrachten.
Ich möchte, dass wir selbst Teil davon werden.
- Dass wir Farbe auf der Haut haben.
- Dass wir tanzen.
- Dass wir ausprobieren.
- Dass wir uns gegenseitig sehen.
Und dass dabei nicht schon vorher feststehen muss, was am Ende herauskommt.
Denn genau diese Räume fehlen mir manchmal in unserer Gesellschaft.
Wir haben unglaublich viele Räume zum Arbeiten, Konsumieren, Trainieren, Lernen und Optimieren.
Aber wo sind die Räume, in denen wir einfach neugierig sein dürfen?
- Wo dürfen Erwachsene spielen?
- Wo dürfen wir seltsam aussehen?
- Wo dürfen wir etwas ausprobieren, ohne gut darin sein zu müssen?
- Wo dürfen wir sichtbar werden, ohne etwas leisten zu müssen?
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum mich Bodypainting so berührt.
Gesehen werden
Ich glaube, dass viele Menschen eine tiefe Sehnsucht danach haben, gesehen zu werden.
Nicht unbedingt von möglichst vielen Menschen. Sondern wirklich gesehen zu werden. Das ist ein Unterschied.
Wenn ich jemanden bemale, entsteht manchmal dieser besondere Moment vor dem Spiegel. Ein Mensch betrachtet sich und erkennt sich gleichzeitig wieder und irgendwie auch nicht.
Plötzlich ist da eine andere Version.
- Vielleicht ein Krieger.
- Eine Waldgestalt.
- Etwas Futuristisches.
- Etwas Zartes.
- Etwas vollkommen Unbenennbares.
Ich finde, wir brauchen nicht immer Worte dafür. Vielleicht müssen wir auch nicht aus jeder Erfahrung sofort eine Erkenntnis machen.
Manchmal darf etwas einfach durch uns hindurchgehen.
Farbe. Musik. Bewegung. Berührung. Gemeinschaft.
Und vielleicht erinnern wir uns dabei an etwas sehr Einfaches:
Wir sind kreative Wesen. Nicht nur Künstlerinnen und Künstler. Wir alle.
Neue Rituale für unsere Zeit
Ich möchte deshalb nicht zurück in irgendeine romantisierte Vergangenheit.
Ich möchte nach vorne.
Mich interessiert die Frage, welche Rituale wir heute brauchen. In einer Zeit, in der wir unglaublich vernetzt und gleichzeitig häufig voneinander getrennt sind. In der wir ständig Bilder von anderen Menschen sehen und unseren eigenen Körper trotzdem manchmal kaum noch wirklich wahrnehmen.
Vielleicht brauchen wir wieder:
- Mehr Erfahrungen, die nicht über einen Bildschirm stattfinden
- Mehr Berührung
- Mehr Bewegung
- Mehr gemeinsames Erschaffen
- Mehr Farbe
- Mehr Mut, auch einmal komisch auszusehen
- Mehr Räume, in denen etwas entstehen darf, das vorher noch keinen Namen hatte
Genau solche Erlebnisräume möchte ich mit dem Tribehaus schaffen.
Bodypainting ist dabei nur eine Möglichkeit. Aber für mich eine ziemlich kraftvolle.
Denn manchmal braucht es gar nicht so viel.
Ein bisschen Farbe. Einen Körper. Musik. Zeit. Vertrauen.
Und die Bereitschaft, für einen Moment nicht zu wissen, wer man sein soll.



